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KI ist keine Naturgewalt: Frühstücksimpuls mit Kardinal Reinhard Marx
Der digitale Frühstücksimpuls der ISoG BW ist ein Format, bei dem wir mit innovativen Gedanken von spannenden Persönlichkeiten in den Tag starten wollen.
Vom Menschen her denken
Mit „Magnifica Humanitas“ hat Papst Leo XIV. im Mai 2026 ein Lehrschreiben über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der KI vorgelegt. Kardinal Marx ordnete es in eine Zeit globaler Umbrüche ein.
Die Katholische Soziallehre kennt nicht nur das Gemeinwohl einzelner Nationen, sondern ein Weltgemeinwohl: eine Verantwortung aller für alle, die gemeinsame Regeln braucht. Gerade diese Überzeugung gerät heute unter Druck. Umso deutlicher setzt der Papst auf Multilateralismus. Technikfeindlich ist die Enzyklika nach Marx nicht. Sie macht aber klar: Wir stehen an einem Wendepunkt und müssen wissen, wohin wir wollen.
Vier Schwerpunkte hob Marx besonders hervor:
- Menschenbild: Transhumanistische Visionen wollen den Menschen technisch überwinden. Dem stellt die Enzyklika ein klares Gegenbild entgegen: Der Mensch ist keine Datenbank, die optimiert werden muss. Verletzlichkeit, Endlichkeit und das Angewiesensein aufeinander gehören wesentlich zum Menschsein.
- Demokratie und Wahrheit: Algorithmen können Kommunikation verzerren und zuspitzen. Deshalb braucht es eine „Ökologie der Kommunikation“ (MH), in der Informationen verlässlich bleiben. Nach Marx’ Einschätzung profitieren autoritäre Bewegungen am stärksten von einer ungeregelten Entwicklung der KI. Damit stehe auch die Zukunft offener Gesellschaften auf dem Spiel.
- Würde der Arbeit: Arbeit ist mehr als Broterwerb. Sie dient der Selbstverwirklichung, Sinnerfüllung und sozialen Beziehungen. Verliert sie diese Bedeutung durch KI, wäre das ein Rückschritt mit politischen Folgen.
- Krieg und Frieden: Wer trägt die Verantwortung, wenn Maschinen entscheiden, wohin eine Drohne fliegt? Vor diesem Hintergrund stellt die Enzyklika den Begriff des „gerechten Krieges“ infrage. Gerechte Verteidigung bleibt legitim, ein gerechter Krieg ist unter diesen Bedingungen nicht mehr zu rechtfertigen. Marx unterstützt ausdrücklich, diesen Begriff hinter sich zu lassen.
Aus dem Gespräch
In der anschließenden Diskussion vertiefte Marx diese Gedanken. Ein Satz von Joseph Ratzinger zog sich dabei wie ein roter Faden durch das Gespräch: „Wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist es gut, ein Mensch zu sein.“ Für Marx folgt daraus, dass die Gestaltung der Welt in menschlicher Verantwortung liegt, und damit auch die Gestaltung und der Einsatz von KI.
Wie diese Verantwortung wahrgenommen werden kann, machte er an mehreren Beispielen fest. Eine „Verstaatlichung“ von KI sei wohl nicht der Weg, denn mit Datenschutz- und Ordnungsbehörden, Mitbestimmung und Gewerkschaften etwa verfüge der Staat längst über Instrumente, um Märkte an Regeln zu binden. Auch beim Schutz vor Desinformation sieht er nicht allein Eltern und Schulen in der Pflicht, sondern vor allem diejenigen, die mit dem Einsatz von KI Profit machen und dabei etwa Fake News verbreiteten. Und dort, wo KI an Grenzen stößt, in der Sorgearbeit in Pflege, Schule und Familie, wünscht er sich deutlich mehr gesellschaftliche Wertschätzung für diese Arbeitsbereiche.
Dass gemeinsame Regeln auch über Grenzen hinweg gelingen können, zeigt für Marx die Europäische Union, für ihn das größte Friedensprojekt der Weltgeschichte: „Es kann scheitern, aber es ist möglich.“ Und er ermutigt dazu auf, dass wir alle etwas tun können.
Unser Fazit
KI-Governance ist eine intersektorale Aufgabe. Der Staat setzt Regeln, Unternehmen verantworten, was sie entwickeln und verbreiten. Zivilgesellschaft, Bildung und Kirchen bringen ein, worum es am Ende geht: den Menschen.
Wir danken Kardinal Reinhard Marx für seinen Impuls, Dr. Bernd Villhauer für die Moderation und allen Teilnehmenden für die engagierte Diskussion.
Die offizielle Pressemitteilung zum Frühstücksimpuls finden Sie auf der Webseite der Erzdiözese München und Freising.